Literatur und Wandern - durch die Weinberge der Wachau
Querbeet

Literatur & Wandern – Wehrkirchen, Türkentor und Türkenlöcher

In Anlehnung an die Islam-Ausstellung auf der Schallaburg hat das Unabhängige Literaturhaus NÖ gestern eine sehr gelungene „Literatur & Wandern“-Veranstaltung organisiert. „Wehrkirchen, Türkentor und Türkenlöcher“ führten die Wandergruppe mit rund 30 Leuten thematisch in die Jahre 1529 und 1683 – Die Zeit der Türkenbelagerung, die auch in der Wachau ihre Spuren hinterließ.

Wachau - Blick auf Sankt Michael

Los ging die 2-stündige Wanderung beim Gasthof Wachau in Mitterarnsdorf. Entlang der Donau mit herrlichem Blick auf Sankt Michael und wunderbarem Kaiserwetter war die Stimmung sehr gut. Begleitet wurde die Wanderung von Roland Würflinger, dem Geschäftsführer der Stiftung Blühendes Österreich. Dieser erzählte immer wieder Anekdoten rund um die Türkenbelagerung in der Wachau. Dabei hielt er sich fern von strengen historischen Ausschweifungen und erzählte unterhaltsame Geschichten, die teils zum Schmunzeln einluden.

Wanderbegleiter Roland Würflinger

So waren die Weißkirchner schon früh erfinderisch. Die Wehrkirche in Weißenkirchen ist durch eine seltsam geschwungene Stiege erreichbar. Diese Biegung entstand angeblich, um den Türken das Erreichen der Kirchen mit ihren langen Lanzen zu erschweren.

Weinberge in Mitterarnsdorf

Durch die Weinberge, hinauf über den Römerberg zeigte sich die Wachau von seiner landschaftlich beeindruckenden Vielfalt. Riesige Felsformationen lassen den Waldweg beinahe mystisch erscheinen. Das Türkentor selbst hingegen wirkt mit den Überresten des kleinen Torbogens enttäuschend.

Literatur und Wandern - durch die Weinberge der Wachau
Literatur und Wandern – durch die Weinberge der Wachau in Mitterarnsdorf
Das Türkentor am Römerweg
Das Türkentor am Römerweg

In der abschließenden circa einstündigen Lesung stand weiterhin das Thema Türkei und Migration im Vordergrund. Der in Vorarlberg lebende Autor André Pilz begann die Lesung mit seinem Buch „Der anatolische Panther“. Die Geschichte eines in München lebenden jungen Mannes mit türkischem Migrationshintergrund. Dieser hat seine Fußballkarriere aufgegeben und schlägt sich nun als Kleinkrimineller durch. Die Auszüge in der Lesung zeigen eine aussichtslose Situation. Ein Teufelskreis dem man nur schwer entfliehen kann. Mit harten Worten und aggressiver Stimme liest André Pilz in einer zu dem anatolischen Panther perfekt passenden Tonalität.

Literatur & Wandern - André Pilz liest "Der anatolische Panther"

Als zweite liest die Türkin Gaye Boralıoğlu, die nach dem Militärputsch 1980 aufgrund ihrer politischen Haltung zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Gaye lebt nach wie vor in der Türkei, da dort nun mal einfach ihre Heimat ist. Auch wenn sie sich dort im Moment nicht wirklich sicher fühlt. Das Schöne an der Literatur ist, dass sie ihre Botenschaft viel unterschwelliger transportieren kann und so nicht in der gleichen Bedrohungsebene wie ihre journalistischen Kollegen schwebt.

Gaye Boralıoğlu befand sich für einen Arbeitsurlaub in Krems und hat dort ihren neuesten Roman fertiggestellt. Zu Beginn liest sie ein paar Seiten in türkisch. Sehr interessant ein paar Auszüge im Original zu hören, wenn gleich ich kein Wort verstanden habe. Zudem empfinde ich das Türkische als nicht melodiöse Sprache. Viel zu abgehackt und hart.

Literatur & Wandern -Sylvia Traudl, Gaye Boralıoğlu
Klicke auf das Bild, um einen kurzen Ausschnitt aus der türkischen Lesung zu sehen und vor allem zu hören

Nach den türkischen Auszügen kam das Highlight der Lesung. Sylvia Treudl, die Obfrau des Vereins Unabhängiges Literaturhaus Niederösterreich, las aus Gaye Boralıoğlus Romandebüt „Meçhul“, das im türkischen Original bereits 2004 erschienen ist. Glücklicherweise las Sylvia Treudl aus der 2017 erschienenen deutschen Übersetzung „Der Fall Ibrahim“. Sylvia Treudl liest unglaublich gut. Ich war bereits auf einigen Lesungen aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Mit einer klaren, deutlichen Aussprache weiß Sylvia Treudl ihre Stimme perfekt einzusetzen. Sie spielt mit den Höhen und Tiefen, lässt durch die Färbung Gefühle mitschwingen. Einfach fantastisch. Ich hätte noch ewig zu hören können.

Alles in allem eine wirklich gelungene Veranstaltungen. Die Kombination aus Wandern und Literatur und einem Thema, das über allem steht, ist eine großartige Idee, die in diesem Fall perfekt umgesetzt wurde.

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