Wer bestimmt eigentlich, was schön ist? Und warum tun wir teilweise absurde Dinge mit unserem Körper, nur um zu gefallen und einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen? Der Wunsch nach „Schönheit“ ist jedenfalls nichts Neues. Überall auf der Welt und zu allen Zeiten haben Menschen ihre Körper verändert und optimiert.
Teilweise ging es dabei darum, nach außen zu zeigen, dass man einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht angehört. Viele dieser oft unpraktischen Trends fanden irgendwann aber auch ihren Weg in die ärmeren und arbeitenden Gesellschaftsschichten. Ein plakatives Beispiel sind die großen Reifröcke, die vom Adel übernommen wurden und selbst im Alltag getragen wurden, obwohl sie etwa die Arbeit auf dem Feld erheblich erschwerten.
Schönheitsideale haben dabei vor allem Frauen immer wieder eingeschränkt, eingeengt und teilweise sogar bewegungsunfähig gemacht. Vom Korsett und den gebundenen Füßen in China bis hin zu Botox, Fillern und chirurgischen Eingriffen, die heute aus rein „ästhetischen“ Gründen bereits als völlig normal gelten.
Evke Rulffes setzt in „Eingeschnürt“ zwei Schwerpunkte: das Korsett im europäischen Raum und das Füßebinden in China. Dadurch kann sie zwei geografisch weit voneinander entfernte Kulturen miteinander vergleichen und die Mechanismen hinter den jeweiligen Schönheitsidealen sichtbar machen.
Beim Lesen durfte ich einiges über die chinesische Kultur lernen, was ich sehr spannend fand. Besonders schockierend waren für mich die Erkenntnisse rund um die Rassenlehre. Forschungsergebnisse wurden gezielt manipuliert oder es wurden nur Teilnehmer in Studien aufgenommen, die in das gewünschte Bild passten. Auch Forschungsergebnisse, die nicht zum gesellschaftlichen Bild passten, wurden teilweise verschwinden gelassen oder unter den Teppich gekehrt. Das Patriarchat konnte sich so unter dem Deckmantel einer scheinbaren Wissenschaft eine Machtposition erarbeiten und diese zusätzlich absichern.
„Eingeschnürt“ geht damit weit über die Analyse von Modetrends und Schönheitsidealen hinaus. Das Buch zeigt, wie Machtverhältnisse entstehen, gemacht und schließlich gesellschaftlich abgesichert werden.
Ich habe das Buch mit großer Neugier und Freude gelesen. Es ist hervorragend und verständlich geschrieben und hat mir viele neue Denkanstöße gegeben. Gerne würde ich noch mehr zu diesem Thema aus anderen Teilen der Welt lesen, beispielsweise über die Lippenteller der Mursi-Frauen in Äthiopien. Da ich den Stamm selbst einmal besuchen durfte, interessiert mich dieses Thema besonders.
NetGalley hat mir ein eBook zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!




