Interview mit Svea Tornow

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eXXXit - Svea Tornow

Svea Tornow war so nett und hat mir zum Erscheinen ihres Debütromans ein sehr intressantes Interview gegeben. Ich hoffe ihr habt mit Interview und ihrem Roman „eXXXit“ genauso viel Freude wie ich! Über eure Kommentare und das Teilen des Interviews freue ich mich!

lesefreude: Mit dem Debütroman „eXXXit“ ist Ihnen ja gleich ein richtiger Volltreffer gelungen. Woher nahmen Sie die Inspiration für Ihr Buch?

Svea Tornow: Danke! Die besten Geschichten schreibt (leider) das Leben. Ich musste nur Ereignisse aus mehreren Jahren und mehreren Leben zu einer Story zusammenfassen. Jedes einzelne Element ist wahr oder zumindest wahrhaftig (oder – wie die Reaktion einer Polizistin auf eine bemitleidenswerte Täterin – wahrhaft wünschenswert).

lesefreude: Bei dem Titel „eXXXit“ handelt es sich um ein herrlich, perfekt passendes Wortspiel. In welcher Phase des Schreibens ist der Titel entstanden?

Svea Tornow: Der Titel war sozusagen der Anstoß für die Geschichte. Und die Geschichte, die ja irgendwo in meinem Unterbewusstsein herumgeisterte, war Anstoß für den Titel. Sie dann exakt passend zu gestalten war der schwierigste Teil der Arbeit. Ich freue mich, wenn das gelungen ist.
Erst beim Ausfeilen der Details ist mir bewusst geworden, dass jeder von uns zumindest irgendwann im Leben mal mit Ausstiegs-Szenarien arbeitet bzw. gearbeitet hat. Diese symbolhafte Allgemeingültigkeit war mir am Anfang nicht bewusst.

lesefreude: „eXXXit“ ist ein sehr gut recherchierter (Polit)-Thriller in dem unterschiedlichste Thematiken angesprochen werden. Von dem Leben und der Arbeit der Prostituierten, über den Aktienmarkt und vielem mehr. Wie haben Sie sich ein so umfassendes Wissen angeeignet bzw. wie sind Sie bei der Recherche Ihres Buches vorgegangen?

Svea Tornow: Die grundsätzlichen Informationen bzw. Handlungsmöglichkeiten und Interessen der Hauptfiguren haben sich im Laufe meines Lebens angesammelt. Ich musste dann für einzelne Szenen (Fleurs Kindheit in Thailand, die Börsenspekulationen, liberaler Extremismus, Foltermethoden) nur noch die Details recherchieren. Sie sind für die Lebendigkeit der Szenen entscheidend wichtig, aber der Plot stand von Anfang an.

lesefreude: „eXXXit“ wird immer wieder durch, für einen Thriller ungewöhnlich philosophische Kapitel aufgelockert und gibt der Geschichte den nötigen Platz zum Atmen. Besonders das Kapitel mit den Lebenslinien, die eben nunmal nicht gerade verlaufen und immer wieder in wilden Kritzeleien münden, hat es mir besonders angetan (Kapitel 7). Wie kam es zu dieser herrlichen Komposition von Gewalt und tiefgründigen Gedanken?

Svea Tornow: Es gibt eine Kreativitätsübung, die sich „stream of conciousness“ nennt. Man schreibt einfach, was einem in dem Moment in den Sinn kommt. Ohne Ziel, ohne Zweck, ohne Schere im Kopf.
Das Lebenslinien-Kapitel ist auf diese Weise entstanden – und als es fertig war, gefiel es mir und passte auch genau ins Buch. So faszinierend präzise kann das Unterbewusstsein arbeiten.
(Andererseits schreibe ich auf diese Weise hunderte von Seiten pro Jahr voll, ohne sie je wieder anzuschauen, es ist also keine besonders effektive Vorgehensweise. Aber es macht Spaß und reinigt die Seele.)

lesefreude: In Thrillern von Frauen geht es oft wesentlich brutaler und härter zu als von männlichen Autoren. Mo Hayder und natürlich auch Ihr Buch sind nur zwei Beispiele dafür. Woran liegt es, denken Sie, dass Frauen oft wesentlich skrupelloser und brutaler schreiben?

Svea Tornow: Vielleicht liegt es daran, dass Frauen im Alltag immer „brav“ sein sollen … und sich so die Düsternis der Seele ansammelt und über die Jahre zu einer teerartigen Flüssigkeit einköchelt?  So ein Dr. Jekyll/Mr. Hyde-Effekt. Möglicherweise erscheint es uns auch nur so, weil Gewalt in den Thrillern von männlichen Autoren häufig mit Hilfe von Waffen/Werkzeugen/Technik umgesetzt wird – und bei Autorinnen eher im direkten Kontakt der Personen zueinander, so dass eine größere Unmittelbarkeit entsteht.

lesefreude: Von Schauspielern hört man oft, dass sie völlig in Ihrer Rolle aufgehen und sich während einem Dreh auch privat ähnlich wie der zu spielende Charakter verhalten. Wie haben Sie es geschafft während des Schreibens des Buches abzuschalten? Konnten Sie sich überhaupt soweit von dem harten Stoff entfernen, um auch mal wieder zwischendurch in Ihr „normales“ Leben zurückzukehren?

Svea Tornow: Tatsächlich berichten viele berühmte Kollegen, von Elizabeht George bis Gillian Flynn, Alafair Burke, Sara Gran oder Tess Gerritsen, dass man sich auch mit den Bösen, den Tätern, identifizieren müsse, um wirklich packende Thriller zu schreiben. Diese Vorstellung war mir immer unangenehm. Aber es ist so, es passiert einfach. Da sitze ich eines Abends vor dem Fernseher und filtere die News, wie Dorothea es täte. Oder Florian Bremerhaven. Gottseidank ging das auch wieder weg!
Die Bandbreite sexueller Interessen war mir bekannt genug, mich nicht davon „einfangen“ zu lassen. Wenn die Hüllen fallen, bleibt am Ende doch nur man selbst übrig, und das ist auch gut so!
In manchen Situationen des echten Lebens habe ich mich aber auch bewusst gefragt, wie würde Michelle jetzt handeln, was würde Paul tun? Zum Beispiel ist das erste Kapitel direkt aus meinem eigenen Leben entnommen, eines Abends landeten wir zufällig in einer neuen Salsa-Bar am Neuen Pferdemarkt: http://www.barnouar.de/. Ich hatte die ganze Zeit überlegt, wie ich die Beziehung zwischen Paul und Michelle zeigen kann. Und auf einmal, mitten im Tanz und dem Lichtergewirbel, hatte ich die Lösung für mein Problem. So befruchten sich Leben und Literatur gegenseitig!

lesefreude: Und jetzt? Wie geht es weiter? Ein einmaliger Ausflug in die Welt als Autorin oder dürfen wir uns auf noch mehr Gänsehaut von Ihnen freuen?

Svea Tornow: Der Plot von Band zwei steht schon fest. Dagegen war „eXXXit“ ein Spaziergang im Park. Und wieder geht es nur um Sachen, die so oder sehr ähnlich in Hamburg (und anderswo) ständig passieren.

Meine Rezension zu „eXXXit“

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