Interview mit Martell Beigang

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Martell Beigang

Martell BeigangIn seinem dritten Buch „Viel Lärm um mich“ erzählt Martell Beigang die Geschichte des Gitarristen Sebastian Lauterbach. Im Interview mit lesefreude hat er viele interessante Details rund um das Buch preisgegeben. Danke, dass du dir via Skype Zeit für das Interview genommen hast!

lesefreude: Du bist selber Schlagzeuger. Schreibst jetzt allerdings über einen Gitarristen. Was war für diese Entscheidung ausschlaggebend? Wieso bist du dann nicht gleich direkt beim Schlagzeuger geblieben?
Martell Beigang: Bei meinem ersten Buch „unverarschbar“ habe ich auch schon ein anderes Instrument gewählt. Da war mein Protagonist ein Bassist. Das habe ich damals gemacht, um so ein bisschen Distanz zu schaffen zwischen mir und der Figur. Jetzt beim aktuellen Buch ist es tatsächlich so, dass ich bestimmte Klischees bediene. Das Schlagzeuger-Klischee ist beispielsweise: Schlagzeuger sind die Doofen, die komponieren keine Songs usw. Der Gitarrist, der alleine zu seinem Song spielt, geht glaube ich dem unbedarften Leser leichter rein. Es ging mir darum die Geschichte einfach schlüssiger zu machen. Und so wurde es ein Gitarrist.

lesefreude: Nachdem du nun schon über einen Gitarristen und einen Bassisten geschrieben hast, ist es auch geplant einmal über einen Drummer zu schreiben oder eignet sich der deiner Meinung nicht so unbedingt für ein Buch?
Martell Beigang: Der eignet sich natürlich schon, aber wie gesagt da kämpfe ich auch mit vielen Klischees. Ich hab letztens wieder im Theater Vertretung gespielt, das heißt ich war zum ersten Mal mit diesen Schauspielern auf der Bühne und wir haben auch nicht geprobt vorher. Da kam dann direkt so ein Witz als das Stück los ging aller ich mach jetzt mal einen Schlagzeuger-Witz, ihr seid ja die Doofen. Es ist einfach wirklich ganz, ganz oft so. Das heißt ich wüsste gar nicht, wie ich diesem Klischee nicht entsprechen sollte. Oder ich würde mich darüber lustig machen. Dann wäre das eine Geschichte über einen Schlagzeuger, der aus dieser Rolle ausbricht. Aber im Prinzip glaub ich, wenn ich weiterschreiben sollte, werde ich mal versuchen ganz aus der Musikwelt auszubrechen. Ich dachte es ist ein Vorteil für den Leser, dass er glaubhaft findet was ich schreibe, aber es ist doch eine begrenzte Welt. Viele Leute schrecken auch vor Musikergeschichten zurück oder denken das kennen sie schon. Das macht die Sache schon ein bisschen beschränkt.

lesefreude: Sebastian leidet dann unter einem Tinnitus. Was sind deine Erfahrungen zu dem Thema bzw. hast du mit Betroffenen darüber gesprochen?
Martell Beigang: Ich hab selber glücklicherweise keinen Tinnitus. Ich mach’ mir auch immer was in die Ohren, wenn ich Musik mache. Ich habe allerdings einen Kollegen, der in meiner Band „Swingerclub“ gespielt hat und der musste tatsächlich deswegen aufhören. Der hat eine Tinnitus bekommen und hatte auch diese Hyperakusis (die gibt es tatsächlich), also die Empfindlichkeit für bestimmte Töne. Wir dachten anfänglich er ist verrückt. Aber wir haben dann eine Spezialistin gefunden, die sich damit auskennt. Der Kollege hat mir aus seiner Sicht erzählt. Es ist allerdings auch viel dazu erfunden und Fiktion. Die sagenumwobene Therapie aus dem Buch gibt es beispielsweise nicht. Ich hab mich beraten lassen was es tatsächlich gibt, musste dann aber auch zu Gunst der Geschichte von der Wahrheit abweichen.

lesefreude: Lieber laut oder leise bzw. lieber Stadt oder Land?
Martell Beigang: Beides eigentlich. Es kommt auf die Balance an. In der Zwischenzeit wäre ich soweit und müsste nicht mehr in der Stadt leben. Aber das Stadtleben bringt natürlich gewisse Vorteile, vor allem wenn man sich in der Musik-Szene aufhält. Ich glaube, wenn ich genug Arbeit hätte, würde ich auch aufs Land ziehen und sagen „Ruft mich an wenn ihr mich braucht!“. Dann wäre ich inzwischen tatsächlich soweit. Stadtleben habe ich jetzt lange gehabt und auch sehr genossen. Und es nervt auf Dauer mitunter auch.

lesefreude: Du hast diesen tollen Satz geschrieben: „Sie ist die schönste Frau, die ich je gehört habe.“ Wie ist das bei dir persönlich? Ist dir die Stimme einer Frau wichtig oder ist das eher sekundär für dich?
Martell Beigang: Ich finde das schon einen wichtigen Aspekt, da ich ein akustischer Mensch bin. Ich finde eine schöne Stimme sehr gewinnbringend für die Person. Eine angenehme Stimme kann einen schon einnehmen. Oder es kann auch ein angenehmer Dialekt sein.

lesefreude: Für dein Buch hast du die eher seltenere Ich-Perspektive gewählt. Mir viel es so extrem leicht, mich in Sebastian hinzuversetzen. Wieso hast du dich dafür entschieden?
Martell Beigang: Ich habe es einfach ausprobiert. Ich habe beim ersten Buch auch ein bisschen aus Angst in der Dritten-Person-Perspektive geschrieben. Das schafft eine gewisse Distanz, die manchmal wünschenswert ist. Also wenn man beispielsweise einen Krimi schreibt, kann das die Sache spannender machen. Aber ich finde umso persönlich oder psychologischer es ist, umso leichter wird es die Vorgänge mit der Ich-Perspektive abzubilden. Man kann ihm natürlich auch mehr in den Mund liegen. Ich fand es toll, dass er so ein bisschen auflabert. Man weiß ja anfänglich nicht ist er empathisch oder ein Aufschneider, dass kann man ihm dann gut in den Mund legen. Das fand ich ganz schön. Ich fand es dann andererseits eher schwierig gewisse Dinge zu erzählen, die man dann ja nur erzählen kann wenn er sie auch mitbekommt. Dann muss ihm das erzählt worden sein oder er muss sich das denken. Da stoßt die Ich-Perspektive an ihre Grenzen. Mir hat das Spaß gemacht mit der Ich-Perspektive. Auf der anderen Seite besteht natürlich die Gefahr, dass die Leute glauben das ist man selber. Aber ich denke so viel Phantasie muss sein. Ich glaube Stephen King bringt auch keine Leute um.

lesefreude: Wie geht’s jetzt weiter bei dir? Wird es neuen Lesestoff geben, wirst du dich wieder mehr der Musik widmen?
Martell Beigang: Ich möchte gerne weiterschreiben. Ich brauch jetzt aber auch ein bisschen Bestätigung, dass das nicht totaler Quatsch ist was ich mache. Das ist jetzt mein drittes Buch. Für so einen kleinen Verlag haben die auch ganz gut verkauft, vom großen Erfolg ist es allerdings noch weit entfernt. Ich brauche jetzt auch einfach mal die Bestätigung, dass das irgendjemand mitbekommt. Es geht für mich nicht darum herauszufinden, ob es die Leute gut finden oder nicht. Die Leute, die es mitbekommen finden es in der Regel auch gut. Aber es finden halt einfach nicht viele Leute raus. Es unterschreitet bislang den Radar der allgemeinen Wahrnehmung. Und das kann ich halt nicht unbegrenzt lange probieren. Ich finde drei Bücher ist schon lange probiert. Es gibt natürlich Autoren, die sieben Bücher probiert haben, aber keine Ahnung was die nebenbei für einen Beruf hatten.
Ich habe auch zwei sehr tolle Themen gefunden, die ich gerne umsetzen würde. Warte aber jetzt noch ein bisschen ab wann ich mich da reinstürze, da es schon immer sehr nervenaufreibend ist. Die Musik ist mein Beruf und ich lebe seit über zwanzig Jahren davon, also so gesehen werde ich da auf jeden Fall weitermachen. Aber es ist nie so vorherzusehen was das nächste große Ding ist.

Meine Rezension zu „Viel Lärm um mich“

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