Am Königsweg mit dem Club der KritikerInnen

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Am Königsweg, Bettina Kerl, Tilman Rose, Tim Breyvogel, Sabrina Ceesay, Hanna Binder, Manuela Linshalm, c Alexi Pelekanos

Ganz nach dem Motto „Man lernt nie aus“ habe ich mich mit großem Interesse für den Club der KritikerInnen am Landestheater Niederösterreich angemeldet. Unter der Leitung des Autors, Übersetzer und Kritiker Martin Thomas Pesl lernen wir in insgesamt 3 Einheiten zu je 2 Stunden jede Menge über das Schreiben von Kritiken, aber auch das Theater an sich. Mit „Am Königsweg“ und „Ödipus / Antigone“ stehen auch 2 Theaterstücke am Programm, um Stoff zum Kritisieren zu haben.

Die ersten 2 Einheiten waren super spannend, lehrreich und vergingen wie im Flug. Besonders gut hat mir die sehr entspannte Atmosphäre gefallen, die Martin Thomas Pesl erzeugte. Locker plauderte er drauf los und nahm sich viel Zeit um auf die Fragen der Teilnehmer einzugehen.

Club der KritikerInnen am Landestheater Niederösterreich

Von der Rohfassung auf die Bühne

Dass sich ein Kritiker auf eine Vorstellung vorbereitet, habe ich mir ehrlich gesagt noch nie überlegt. Oftmals wird sogar das Stück, das Buch oder der Film auf dem die Aufführung basiert im Vorhin gelesen bzw. angesehen. Die Presseabteilungen des Theaters sind dabei meist sehr kooperativ und schicken die Texte oder Strichfassungen an die Journalisten. Alleine was man alles bei dem Vergleich des original Textes, der Strichfassung und dem was dann tatsächlich auf der Bühne passiert, besprechen kann, fand ich faszinierend.

Apropos Strichfassung. Was ist denn das überhaupt? In der Strichfassungen werden alle Elemente aus dem Original mit einem Strich entfernt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden. Was mitunter für Zensuren genutzt wurde und wird, dient im Gros der Fälle jedoch dramaturgischen Effekten.

Am Königsweg, Bettina Kerl, Sabrina Ceesay, Manuela Linshalm, Tim Breyvogel c Alexi Pelekanos
© Alexi Pelekanos

Die verkannte Macht des Regisseurs

Ich gestehe, dass ich mir bis jetzt nie Gedanken über den Regisseur der Aufführung gemacht habe. Im Großen und Ganzen schaue ich mir lediglich den groben Inhalt des Stücks an. Gerade im Hinblick auf die Sommerbühnen besuche ich einige Veranstaltungen mittlerweile schlicht weil ich die Atmosphäre so gerne mag und die dezidierte Sommerbühne bei mir bereits mit qualitativen Stücken gedanklich verankert ist.

Wenn ich mir jedoch überlege was die Aufgabe des Regisseurs eigentlich ist, wird schnell klar wie mächtig und richtungsweisend dieser für eine Aufführung ist. Wenn der Originaltext nicht bereits als Theaterstück vorliegt, muss die Regie komplette Dialoge schreiben und gibt so der Geschichte einen ganz eigenen Touch. Und selbst wenn das Original ein Theaterstück ist, können Szenen gestrichen, ergänzt, modernisiert, ja sogar ganz verändert werden.

„Am Königsweg“ wurde beispielsweise von Nikolaus Habjan inszeniert. Der 31-jährige Habjan ist nicht nur Regisseur, sondern machte sich bereits als Puppenbauer und -spieler einen Namen. Ein Element, das er in seine Aufführungen integriert.

Außerdem verbindet Habjan eine Freundschaft mit der Autorin des Stückes Elfriede Jelinek. Dies ist insofern spannend, als Habjan seine Überlegungen und Interpretationen mit Jelinek besprechen konnte. Die Literaturnobelpreisträgerin hat sich seit mittlerweile über 20 Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Dass Jelinek in „Am Königsweg“ nun eine Sprechrolle übernimmt, ist eine Besonderheit für sich.

Am Königsweg, Bettina Kerl, Sabrina Ceesay, Manuela Linshalm, Tim Breyvogel c Alexi Pelekanos
© Alexi Pelekanos

Die Vorbereitung auf den Theaterbesuch als Kritiker

Der Kritiker darf bei seiner Vorbereitung nie aus dem Auge lasse wie viel der Leser und der „normale“ Theaterbesucher über das Stück wissen. Beispielsweise kann man davon ausgehen, dass bekannt ist, wie „Romeo und Julia“ verläuft und endet. Bei einem neuen Theaterstück wie „Am Königsweg“ hingegen, kann man nicht davon ausgehen, dass der grobe Inhalt oder das Leitthema bekannt sind.

Neben dem Inhalt des Stückes an sich können auch Informationen zum Theater, dem Regisseur und den Schauspielern Potentiale für eine aufschlussreiche Kritik liefern.

Wenn man sich nun die Fülle an möglicherweise interessanten Aspekten in einer Kritik vorbildlich, wird schnell, dass der Schreibstoff nicht so schnell ausgeht. Ein hoch auf das Internet und die Blogs, bei denen es mit der Zeichenanzahl des Textes nicht so genau ist. Sieht man sich dann jedoch die Kritiken in Zeitschriften an, wird einem schnell schwummrig vor Augen. Wie soll man nur so viel Wissen und Inhalte in so wenige Zeichen packen?

Am Königsweg, Manuela Linshalm, Tilmann Rose, Bettina Kerl, Tim Breyvogel, Hanna Binder, Manuela Linshalm, c Alexi Pelekanos
© Alexi Pelekanos

Die Hausübung

Und so stellt mich die Hausübung, eine Kritik mit 1.500 Zeichen zu schreiben, vor eine Herausforderung. Einerseits ist die starke Begrenzung der Zeichen eine Einengung für mich. Andererseits hilft es mir vielleicht mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Der Herausforderung damit noch nicht genug, sind in einer klassischen Kritik für Zeitungen Emotionen und „Ich“ fehl am Platz. Also genau, dass was ich am Bloggen so sehr schätze. Dennoch, denke ich dass der Versuch eine derartige Kritik zu schreiben und den Theaterabend aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten, grundsätzlich auch positive Auswirkungen auf meine Blogtexte haben kann.

Letzen Endes habe ich die Einschränkung von 1.500 Zeichen für meine Kritik mit diesem kleinen Einblick in den Club der KritikerInnen und meinen Gedanken dazu, ja auch wieder mehr als weg gemacht :D

Und jetzt seid gespannt. Es folgt *Trommelwirbel* – Meine Kritik zu „Am Königsweg“

Am Königsweg, Bettina Kerl, Tilman Rose, Tim Breyvogel, Sabrina Ceesay, Hanna Binder, Manuela Linshalm, c Alexi Pelekanos
© Alexi Pelekanos

Mit geschlossenen Augen ins Verderben

Der Vorhang geht auf. Die Bühne dreht sich. Wir sehen hohe, beleuchtete Fenster und Nebel. Die Szenerie wirkt friedlich, fröhlich – einem rauschenden Fest gleich. Doch der Eindruck währt nur kurz.

In den kommenden 2 Stunden geht Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gewohnt schonungslos und direkt mit den Besuchern ins Gericht. Das absichtliche Wegschauen und die daraus entstehende Blindheit lässt Jelinek nicht als Ausrede für das bewusste Nicht-Handeln gelten.

Der Nestroypreisträger Nikolaus Habjan zeigt sich verantwortlich für die österreichische Erstaufführung von „Am Königsweg“. Habjan machte sich bereits als Puppenspieler und -bauer einen Namen. Insofern überraschen die Puppen als tragendes Element dieser Inszenierung nicht. Dennoch ist es grandios wie die Schauspieler nahezu mit den Puppen verschmelzen und diese als Erweiterung des eigenen Körpers und des eigenen Seins einsetzen.

Jene Puppen dienen dafür, dass nicht nur Donald Trump das Landestheater Niederösterreich beehrt, sondern auch die öffentlichkeitsscheue Jelinek selbst eine tragende Rolle übernimmt. Sie stellt sich damit auf eine Stufe mit dem Publikum und nimmt sich selbst nicht von ihrer Kritik an der Menschheit aus.

Ein wahrer Information-Overflow, der den Zuseher mit schweren Kopf zurücklässt. Wenn gleich die Botschaft und der Aufruf zum Handeln deutlich vernehmbar ist, bleibt doch eine drückende Ratlosigkeit ob der Fülle an Ansatzpunkten. Lethargischer Stillstand ist das schmerzvolle Resultat.


Let’s talk

Verrate mir in den Kommentaren sehr gerne wie dir meine Kritik an „Am Königsweg“ gefällt? Hast du Verbesserungsvorschläge? Oder hast du das Stück vielleicht sogar schon selbst gesehen und siehst es anders als ich?

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