Heimkehr nach Fukushima - Adolf Muschg
4 Sterne Roman

Heimkehr nach Fukushima – Adolf Muschg

Der Inhalt

Der Architekt Paul Neuhaus reist zu alten Freunden nach Japan. Der Bürgermeister einer Gemeinde nahe des Unglücksmeiler Fukushima bittet um seinen Besuch. Eine Rücksiedlung der Menschen soll stattfinden. Die Errichtung eines Künstlerdorfs soll Hoffnung in das verstrahlte Gebiet bringen. Paul Neuhaus reist mit Mitsuko, der Nichte des Bürgermeisters an. Es entsteht eine ungeahnte, intensive Nähe zwischen den Beiden. Besteht für diese Liebe und die verseuchte Landschaft tatsächlich Hoffnung?

Meine Meinung

Mit „Heimkehr nach Fukushima“ hat es Adolf Muschg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 geschafft. Auch wenn ich an dem Buch nicht alles gut heiße, eine Nominierung, die ich unterstütze.

Eine Rückkehr oder Heimkehr nach Fukushima klingt im ersten Moment verrückt und auch im zweiten bleibt es dies. Doch fängt man zu recherchieren an, merkt man sehr schnell, dass Adolf Muschg seinen Roman sehr nahe an der Realität platziert hat.

Die Beschreibung der Situation und der Landschaft wirkt unwirklich. Man spürt die Verzweiflung, aber auch die Hoffnung der Menschen und den Wunsch danach das Land und die Heimat nicht aufzugeben. Die schwarzen Müllsäcke, die man überall am Straßenrand sieht und in denen die oberste Schicht der kontaminierten Erde abgetragen und gesammelt wurde, zeugt von einer verzweifelten Hilflosigkeit. Sie zeigt das Unvermögen mit dem Müll umzugehen und verdeutlich, dass man nicht so recht weiß wohin damit.

“Aber als der Mensch lernte, die Kerne von Materie zu spalten und ihre Teilchen eigenmächtig zu beschleunigen, löst er eine Kettenreaktion aus, deren Glieder plötzlich im Millisekunden Takt herunterrasselten. Und damit hatte er in der für ganz andere Zeit-Räume konditionierten Natur eine plötzliche Veränderung der Gewohnheiten losgetreten, eine Mutation ihres Energiehaushalts, deren Folgen auf ihn, das raumzeitlich bedingte Geschöpf, zurückschlugen.“ Seite 109

Heimkehr nach Fukushima - Adolf Muschg

Unspruchsvolle, melodische Sprache

„Heimkehr nach Fukushima“ ist in einer sehr melodischen, aber auch eher schwierigen Sprache geschrieben. Verzweigte Sätze fordern die Aufmerksamkeit des Lesers. Zusätzlich werden immer wieder Fremdwörter verwendet, die ich teilweise nachschlagen musste. Das lege nicht negativ aus. Ich persönlich mag es gerne auf diese Art und Weise meinen Wortschatz zu erweitern. Es sollte nicht ausarten, dass man vor lauter Nachschlagen nicht mit der Geschichte vorankommt und das tut es in „Heimkehr nach Fukushima“ auch nicht.

Eine weitere Herausforderung waren die absolut ungewohnten japanischen Namen der Menschen und Orte. Ich musste mich konzentrieren nichts durcheinander zu bringen.

Mir gefällt es wahnsinnig gut, wie Alfred Muschg die japanische Kultur beziehungsweise viel mehr die japanischen Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen wiedergibt. Diese Hinnahme des eigenen Schicksals, die Akzeptanz von Katastrophen und individuellen Schicksalsschlägen war mir so neu. Dennoch konnte ich mich dank der einfühlsamen Beschreibungen gut in diese fremde Denkweise einfühlen.

„Wir finden immer Japaner, denen es noch schlechter geht. Dann wäre es ja noch schöner, wenn wir das Maul aufrissen, um uns zu beklagen. Wir jammern nicht, schließlich ist unser Unglück Gott gesandt, wie unsere Erzieher, das Erdbeben, der Bergsturz, der Vulkanausbruch. Warum soll die atomare Katastrophe aus ganz anderem Stoff sein?“
Seite 58

Eine Liebeserklärung an Adalbert Stifter

Der österreichische Schriftsteller Adalbert Stifter zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Paul Neuhaus erkennt seine eigene Geschichte in die „Nachkommenschaften“ von Stifter aus dem Jahre 1864 wieder. Der Leser bekommt ganz Absätze aus „Nachkommenschaften“ präsentiert. Diese rissen mich aus dem Leserhythmus, da ich mich plötzlich in einer ganz anderen Zeit und Geschichte befand.

Im zweiten Kapitel gibt es eine ausführliche Analyse dieses Werks. Damit habe ich mir allerdings etwas schwer getan. Aufgrund seiner langwierigen, ausschweifenden Beschreibungen stehe ich Stifter etwas kritisch gegenüber. Bis jetzt habe ich lediglich „Bergkristall“ von ihm gelesen. Die Ausschnitte von „Nachkommenschaften“ machen mir auch nicht unbedingt Lust auf mehr.

Let’s talk about Sex

Als leidenschaftlicher Leser von Liebesromanen sind mir Sexszenen natürlich nicht fremd. Und auch in „Heimkehr von Fukushima“ spielen zwischenmenschliche Beziehungen und Sex eine Rolle. Die Sexszenen beschränken sich auf ein Minimum und werden nicht ausführlich beschrieben. Details darf sich der Leser selbst in seiner Gedankenwelt ausmalen.

Und dennoch waren diese wenigen Beschreibungen irritierend und seltsam komisch beschrieben. Ich weiß nicht ob mich die gehobenen, leicht schwülstigen Beschreibungen ansprechen oder ich doch lieber eine direktere Ausdrucksweise bevorzuge. Vermutlich würde es reichen, dem Leser eine Idee zu geben und die beteiligten Protagonisten beim eigentlichen Akt alleine zu lassen. Denn die Szenen sind jeweils auf wenige Sätze reduziert und hätten vermutlich gänzlich ausgespart werden können.

„Als er mit der Fingerspitze über die gefaltete Furche strich, lockerte sie sich wie zu einem Lächeln. Er zeichnete die feine Naht nach, bis sein Finger auf den mit Fältchen verschnürten After stieß, und sprunghaft schwoll ihm der Kamm“.
Seite 169

Fazit

★★★★☆

„Heimkehr nach Fukushima“ ist, wie man bereits an der Länge der Rezension erkennt, ein Buch das mich beschäftigt. Ein Roman, der viel Potential zur Diskussion und Analyse bietet.

Eintauchen in eine fremde Kultur und dennoch die zutiefst menschlichen (Grund)Bedürfnisse spüren. Vom Unvermögen der Menschheit und dem Streben nach Mehr, selbst wenn dies in letzter Konsequenz die Zerstörung bedeutet.

Mit „Heimkehr nach Fukushima“ konnte mich Adolf Muschg absolut erreichen, was mir erst jetzt beim Schreiben der Rezension und dem sorgfältigen Reflektieren über das Buch richtig klar wird. Ich drücke für die Shortlist und in weiterer Folge für den Deutschen Buchpreis an sich auf jeden Fall die Daumen.

Let’s talk

Japan war für mich völliges Neuland. Auch wenn ich nicht in die Gegend rund um Fukushima reisen möchte, macht „Heimkehr nach Fukushima“ Lust auf Japan. Welches Land möchtest du literarisch bereisen, um mehr über die Kultur und die Menschen zu erfahren? Und wie sieht es mit dem Deutschen Buchpreis 2018 aus? Hast du eines der Bücher auf der Longlist gelesen?

C.H.Beck hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

2 Kommentare

  1. Japan habe ich mich bis jetzt bloß durch Krimis genähert, die in Tokio angesiedelt sind. Dort bekommt man zwar immer mal kleine Einblicke in die japanische Kultur und Denkweise, aber eben doch nur sehr spärlich und ich bin mir auch nicht sicher, was davon tatsächlich so stimmt und was der Krimigeschichte geschuldet ist.
    Hier scheint es einen anderen Blickwinkel zu geben, der mich neugierig gemacht hat. Vielen Dank für diese tolle Buchvorstellung.
    Liebe #Litnetzwerk-Grüße
    Gabi

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