Gier: Wie weit würdest du gehen – Marc Elsberg

Categories 3 Sterne, Thriller & KrimiPosted on
Gier - Marc Elsberg

Die Handlung

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Auf der ganzen Welt gehen Menschen auf die Straße und treten für mehr Gerechtigkeit ein. Gegen Sparpakete und Massenarbeitslosigkeit. Denn davon profitieren am Ende nur einige wenige Reiche.

Bei einem Sondergipfel in Berlin soll dafür eine Lösung gefunden. Nobelpreisträger Herbert Thompson und sein Assistent verunglücken bei einem Autounfall kurz vor ihrer großen Rede bei dem Gipfel. Angeblich haben sie eine Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist.

Meine Meinung

Ich bin ja ein großer Marc Elsberg Fan und mag seine Dystopien, die so haarscharf an einer möglichen, nicht allzu fernen Zukunft entlangschrammen besonders gerne. Die aufgezeigten, selten positiven, Szenarien regen zum Nachdenken an. Zeitgleich schafft es Marc Elsberg, dem Leser das Gefühl zu geben, dass es noch nicht zu spät ist.

Gier - Marc Elsberg

Mit Spannung habe ich also sein neuestes Buch erwartet und mich unglaublich gefreut, dass ich es bereits vor dem Erscheinungstermin lesen durfte und auch bereits darüber sprechen darf. Als wäre das nicht schon genug der Freude, habe ich die einmalige Chance mit dem Autor ein Interview zu führen. Das Fangirl in mir schreit laut auf. Doch dafür musst du noch etwas Geduld haben.

Nun also zu „Gier: Wie weit würdest du gehen“. Das Ausgangsszenario finde ich absolut spannend. Obwohl wir in Österreich, Deutschland und Mitteleuropa bereits in einen Lotto Sechser hineingeboren wurden und es verglichen mit manch andern Ländern, selbst den Armen verhältnismäßig gut geht, ist die soziale Ungerechtigkeit unumstritten.

„Woher hatten diese Leute, in ihren schicken Klamotten die Lobby und Bar bevölkerten, das Geld? So viel mehr als Jan konnten die doch auch nicht arbeiten? Der Tag hatte nur vierundzwanzig Stunden. Schlafen und kacken mussten sie genauso wie er. Warum war deren Zeit so viel mehr wert als sein?“
Seite 54

Durch meine Reise Leidenschaft, auch in ärmere Länder und völlig fremde Kulturen, hinterfrage ich bereits seit längerem unser Gesellschaftssystem. Immer mehr gerate ich zu der Überzeugung, dass unser System nicht der Weisheits letzter Schluss sein kann. Beispielsweise ist es doch absurd arbeiten zu gehen, um sich jemanden leisten zu können, der auf die eigenen Kinder aufpasst. Nur um sich letzten Endes zu beschweren, dass man die ersten Schritte und Wörter verpasst hat und sowieso viel zu wenig Zeit für die Familie hat.

Doch bis es in „Gier“ dazu kommt, dass wir Einblicke in diese neue Formel für den Wohlstand von allen bekommen, vergeht sehr viel Zeit. Denn recht rasch beginnt die Verfolgungsjagd. Jan muss vor der Polizei flüchten. Gut, durch unglückliche Umstände wird er als Verdächtiger beschuldigt, doch die Notwendigkeit deswegen gleich zu flüchten, habe ich nicht gespürt. Da Verfolgungsjagden, für mich leider Gottes, ohnehin das notwendige Übel in einem spannenden Setting sind, fand ich es sehr schade, dass die Verfolgung so einen großen Teil des Buches einnimmt.

Selbst als wir erste Teile aus der Formel und dem zugehörigen Paper kennen, kann ich die Präsenz des Gelesenen und die daraus entstehende Bedrohung nicht so richtig spüren. Ich habe das Gefühl, dass viele Verfolgungen der Actionwillen stattfinden. Vor allem zu Beginn ist dies für mich nervend, da man aus den mysteriösen Umständen, die zu dem Unfall geführt haben, noch viel zu wenig weiß.

Gier - Marc Elsberg

Es gefällt mir gut wie Marc Elsberg anhand von sehr einfachen Beispielen grundlegende Konzepte der heutigen Marktwirtschaft (Nutzenfunktion, Entscheidungstheorie, Wachstumsformel,…) erklärt. Besonders gut hat mir die Geschichte rund um den Unterschied zwischen Zeitdurchschnitt versus Ensembledurchschnitt oder warum muss eine Aktie, die um 10% fällt um über 10% steigen, um wieder ihren Ausgangswert zu haben, gefallen.

„Gier“ spielt in einem Zeitraum von circa 1 bis 2 Tagen. Im Vergleich zu den anderen Büchern von Marc Elsberg eine sehr kurze Zeitspanne. Das habe ich durchaus als positiv wahrgenommen. Dadurch hat man das Gefühl, dass schnelles Handeln notwendig ist und es wird aufs Gas gedrückt.

Marc Elsberg hält in „Gier: Wie weit würdest du gehen“ vier Erzählstränge für uns bereit.

  • Jan, der verfolgt wird und gemeinsam mit Fitzroy Peel auf der Suche nach der Wahrheit ist.
  • Ted Holdens, Milliardär und seine Assistent Jeanne Dalli, die im Zuge des Sondergipfels Geschäfte machen wollen.
  • El und sein Team, die Jan verfolgen. Die große Frage: Wer ist ihr Auftraggeber?
  • Die Polizisten Maya und Jörn, die die Umstände rund um den mysteriösen Unfall aufklären wollen.

Gier - Marc Elsberg

Erst am Ende auf den letzen 30 Seiten bekommt „Gier“ so richtig Fleisch. Es werden all die kritischen Fragen gestellt, die ich mir im Verlauf des Buches immer wieder gestellt hab. All die Fragen, die mich die Theorie als „Blödsinn“ abtun lassen. Die Formel für einen Wohlstand für alle wird auseinandergenommen.  Diese Skepsis hätte dem Leser schon wesentlich früher genommen werden müssen. Dann wäre es besser möglich gewesen die Theorie zu verstehen, ihr Glauben zu schenken und die Bedrohung für die Reichen unserer Gesellschaft nachzuvollziehen.

Zu Guter Letzt möchte ich noch anmerken, dass ich das Cover mit dem vielen Wasser und dem Schiff bei einem Buch, das ausschließlich in Berlin spielt, wenn auch mit internationalen Folgen, nicht nachvollziehen kann.  Auch der Untertitel „Wie weit würdest du gehen?“ hat mich auf eine falsche Fährte gelockt. Impliziert er doch für mich viel mehr die Entscheidungen eines jeden Einzelnen als den Wohlstand der gesamten Gesellschaft.

Fazit

★★★☆☆

In „Gier“ behandelt Marc Elsberg ein wichtiges Thema, das an den Grundfesten unseres gesellschaftlichen Miteinanders rüttelt. Auf sehr einfache und plakative Weise lehrt er dem Leser absolute Grundannahmen aus der heutigen Marktwirtschaft und des Finanzmarkts.

Leider wird die Formel für den Wohlstand aller viel zu spät auf Herz und Nieren geprüft. So schwebte die ständige die Verlockung im Raum die Formel als „Blödsinn“ abzutun. Denn erste nach dieser Prüfung kommt der große „Aha“-Moment und die Formel offenbart ihre Genialität.

Die Verfolgung setzt zu früh an und wird über die gesamten 364 Seiten für meinen Geschmack zu sehr in den Vordergrund gerückt. Etwas mehr Verschnaufpausen und dafür bereits früher mehr Details zur Formel wären wünschenswert gewesen.

Der Blanvalet Verlag hat mir ein ebook zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

Mehr zu Marc Elsberg

6 comments

  1. Hey Sabrina,

    eine schöne Rezension zum Buch. Meine Meinung ist ganz ähnlich. Ich habe am Anfang auch eher nur Bahnhof verstanden und fand alles etwas verwirrend und der Schreibstil hat mich auch etwas gestört. Das war mir teilweise zu abgehackt.
    Meine Rezension zum Buch geht am Samstag online und ich habe dich bei mir verlinkt.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Abend,
    Moni

    1. Hallo Moni!

      Mit „Blackout“ hat Marc Elsberg das Niveau so hoch gesetzt, dass ich seit dem vermutlich doppelt kritisch bin.
      Danke für die Verlinkung. Da werde ich dir gleich einen Besuch abstatten.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  2. Hallo Sabrina,

    ich bin sehr neugierig auf das Buch. Blackout und Zero haben mir eigentlich sehr gut gefallen und jetzt haben wir für Ende des Monats Karten für die Lesung. Noch bin ich im Zwiespalt, ob ich mir das Buch bei der Lesung Schmackhaft machen lasse, oder es vorher lese, um den Autor anschließend ggf ein paar Dinge zur Lektüre fragen zu können.

    Viele liebe Grüße
    Chrissi

    1. Hallo Chrissi!

      Bei mir hat Gier doch die ein oder andere Frage aufgeworfen, die spannend wäre mit dem Autor zu diskutieren. Wenn du also die Chance hast, das im Zuge der Lesung zu tun, würde ich das Buch vorher lesen.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  3. Liebe Sabrina,

    ach, schade!
    Mir ging es ganz anders! Ich fande es von Anfang an wahnsinnig packend und mich hat das „Durcheinander“ am Anfang auch nicht gestört, auch wenn ich verstehen kann, dass es manchen so geht.
    In der Mitte war ich total faziniert davon, dass mir jemand Wirtschaftstheorien verständlich erklären konnte. Ich habe mich natürlich auch gefragt, was an der Bauerntheorie dran ist, war aber zuversichtlich, dass ich es noch erfahre. ^^

    Das Cover steht für mich für Wirtschaft. Und den Untertitel habe ich mir so erklärt, „Wie weit würde ich für Geld gehen, wenn ich einer der mächtigsten Frauen auf der Welt wäre und zu noch mehr Geld kommen könnte?“
    Würde ich teilen oder würde ich gucken, dass ich zu noch mehr Kohle komme? Ich denke, die meisten von uns können sich da gar nicht reinversetzen und jeder würde natürlich sagen: Teilen!
    Aber die Sache mit Neuseeland hat mir kurz das Gefühl gegeben, mich hinein versetzen zu können. Wenn Du so viel Geld hättest, dass Du Dich und Deine Liebsten bei einem „Weltuntergang“ in Sicherheit bringen könntest. Wären nicht die meisten von uns so gierig, das auch zu tun?

    Mein Blog wurde ja gehackt, aber ich hoffe, dass er Ende nächster Woche wieder läuft. Am Dinnerstag kümmert sich jemand drum. Dann erscheint da auch die Rezension.

    Und nun hüpfe ich schnell zu dem Interview. Ehrlich, wie MEGA COOL, dass Du ihn interviewen durftest!!!! ♥ ♥ ♥

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Hallo Petrissa!

      Es freut mich zu hören, dass dir das Buch so gut gefallen hat. Es ist spannend zu lesen, wie anders du das Cover interpretierst. Immer wieder faszinierend was zwei Menschen in ein und dem selben Bild sehen.

      Marc Elsbergs Fähigkeit komplexe Sachverhalte zu erklären, liebe ich.

      Ja, ich habe mitbekommen, dass dein Blog gehackt wurde. Ich drück dir ganz fest die Daumen, dass das bald behoben ist und bin schon auf deine Rezension gespannt.

      Liebe Grüße
      Sabrina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Ich stimme der Datenspeicherung zu